Editorial im Juli 2010

Liebe Leser,
Jede Zeit bietet Chancen, Chancen auch für die Kirche. Wir müssen sie nur wahrnehmen und nutzen. Die Medienkampagne wegen der Missbrauchsfälle und der Ökumenische Kirchentag in München haben einige Steilvorlagen für die Kirche geliefert. Wann standen kirchliche Themen so im Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion und wann hatten Katholiken soviel Gelegenheit, die katholische Sicht zu begründen wie in diesen Wochen?
Der Kirche wird ja oft genug vorgehalten, sie würde Themen ansprechen, die niemand interessieren und sie würde Fragen beantworten, die keiner gestellt hat. Tatsächlich haben missionarisch eingestellte Christen oft den Eindruck, es ginge ihnen wie dem Apostel Paulus in Athen. Als Paulus zu den Athenern über den „unbekannten Gott“ sprechen wollte, bekam er zur Antwort, darüber wollten sie ihn ein andermal hören.
Wenn die Katholiken ihre Chance wahrnehmen, heißt das nicht, dass ihnen die Zustimmung der veröffentlichten Meinung entgegenschlägt. Wer das erwartet, ist weltfremd. Der Kirche geht es um Wahrheit, nicht um Beifall.
Der Verzicht auf Ehe und Familie, um ganz für Gott und die anvertrauten Menschen zur Verfügung zu stehen, wie das mit dem Zölibatsversprechen geschieht, bringt eine Wahrheit zum Leuchten: Der Mensch kann Freiheit wirklich praktizieren. Er ist kein Sklave seiner Triebe. Wenn 400.000 katholische Priester weltweit den Zölibat leben, so muss das jene provozieren, die Verzicht und Askese als unmöglich, unnatürlich oder sogar als krankhaft proklamieren.
Wer die Verhütungspille nicht, wie Frau Käßmann, als „Geschenk Gottes“, bezeichnet, sondern als schädliches Menschenwerk, kann nicht mit dem Beifall einer sexualisierten Gesellschaft und der Verhütungsindustrie rechnen. Da aber Risiken und Nebenwirkungen der Pille nicht mehr zu verschweigen sind, können Katholiken darauf hinweisen, wie recht Papst Paul VI. mit seiner Enzyklika „Humane vitae“ hatte. Der Papst verkündete 1968 die Lehre der Kirche. Er wurde dafür verspottet. Die demographische Katastrophe, der wir entgegen treiben, nahm im gleichen Jahr ihren Anfang. Die katholische Sexuallehre will eine „geglückte Integration der Geschlechtlichkeit in die Person“. Sie befürwortet eine natürliche Empfängnisregelung, die im Einklang mit dem Plan Gottes steht.
Wenn das „gemeinsame Abendmahl“ als Ausdruck einer wirklich gewollten Ökumene von Protestanten, aber auch von Katholiken gefordert wird, gibt es die Möglichkeit, das katholische Eucharistieverständnis und den Unterschied zum protestantischen Abendmahl darzustellen.
Die Kirche ist mit ihren Forderungen Gegengesellschaft zur säkularen Welt und ihrem Machertum. Katholiken sind der Wahrheit verpflichtet, die von Gott kommt und vom Lehramt der Kirche verbindlich interpretiert wird. In einer Gesellschaft der Diktatur des Relativismus spaltet die Kirche. Das ist ein schlimmer Vorwurf. Aber er stimmt! Diese Spaltung hat mit Wahrheit zu tun. Es ist jene Wahrheit, die Menschen hoffen lässt, dass das Vorübergehende und die Trends, und mögen sie noch so marktschreierisch und glitzernd daher kommen, nicht das letzte Wort haben.
Mit den besten Wünschen aus Kaufering
Ihr Hubert Gindert