Glaubenszeugnis Januar 2021

Bechtel und Schlicker

Märtyrer um der Ehe willen

 

Die Region am Laacher See war in der NS-Zeit ein Hotspot für katholische Märtyrer. Fünf Priester aus nur wenige Kilometer auseinander liegenden Dörfern wurden verhaftet und ins KZ Dachau gebracht. Vier von ihnen (Joseph Bechtel, Johannes Schulz, Wilhelm Caroli und Josef Zilliken) verstarben dort im Hungerjahr 1942. Der fünfte, Kaplan Peter Schlicker, überlebte seine Entlassung nur um wenige Tage. Er sah Mutter und Heimatgemeinde nie wieder. Die Lebens- und Leidengeschichten der Fünf sind in Helmut Molls Deutschem Martyrologium des 20. Jahrhunderts festgehalten.

 

Ungewöhnlich war der Grund der Inhaftierung des Niedermendiger Pfarrers Bechtel und seines Kaplans Schlicker. Es ging um die katholische Ehelehre, katholisches Eherecht und das Bekenntnis zur Unauflöslichkeit der Ehe. Vor dem betreffenden „Vorfall“, der im Januar 1941 zur Verhaftung führte, hatten beide, vom Alter und Temperament sehr unterschiedliche, doch im Geistlichen und Politischen ähnlich denkenden Priester, schon eine Reihe von Konflikten mit der Partei hinter sich. Beiden war der schulische Religionsunterricht verboten.

 

Pater Maurus Münch OSB, der vier Jahre mit Schlicker in Dachau einsaß und der bei dessen Requiem in Niedermendig die Gedenkrede hielt, fasste den „Vorfall“ zusammen, der das Fass zum Überlaufen brachte: Der Kaplan wurde zu einem Sterbenden gerufen, der kirchenrechtlich in ungültiger Ehe lebte. Die protestantische Frau war in erster Ehe evangelisch getraut worden. Ihre Ehe war also gültig. Der katholische Mann konnte sie nicht mehr kirchlich heiraten und infolge des illegalen Verhältnisses nicht die Sakramente empfangen. Er bat im Gespräch um Wiederzulassung zu den Sakramenten, die ihm oberhirtlich erteilt wurde, nachdem er versprach, sich bald von der Frau zu trennen. Schlicker spendete dem Kranken die heilige Ölung und die Wegzehrung. Der Mann starb. Der ganze Fall sei, so Pater Maurus, auch von der Gemeinde im Geist der Kirche verstanden worden.

 

Erst ein halbes Jahr später setzte die NSDAP zusammen mit der Frau eine Hetzkampagne in Gang, die zu baldiger Verhaftung beider führte wegen Agitation gegen die staatlich geschützte Zivilehe und der Beeinflussung eines Sterbenden. Über das Gefängnis Koblenz kamen beide im Februar 1941 als Schutzhäftlinge nach Dachau. Bechtel verstarb am 12. August 1942, Schlicker kurz nach Entlassung im Krankenhaus Salzburg an Flecktyphus am 19. April 1945. Ihre Pfarrangehörigen erfuhren nach und nach, dass beide Priester allen verziehen hatten, die an ihrem Leid schuld waren, und dass sie die Folgen ihres Bekenntnisses für die Unauflöslichkeit der Ehe tapfer und klaglos ertragen hatten.

 

Wie beurteilten die Moraltheologie und Pastoraltheologie heute den Fall? Haben die Mendiger Priester die strengen Ehe-Mahnungen Jesu zu wörtlich genommen? Kann es sein, dass man in der einen Zeit wegen einer Handlung der Hartherzigkeit bezichtigt wird, für die man drei Generationen vorher ein Martyrium erleidet?

 

Alfons Zimmer

 

zurück zu aktuell zurück